Yôkai-Donnerstag

06.07.17: Izanagi & Izanami – Die Geburt aller yôkai

Es war dunkel und modrig. Der Geruch von verbranntem und verwestem Fleisch stieg Izanami in die Nase. Sie fühlte keinen Schmerz, doch sie erinnerte sich an ihn. An die Flammen, die ihr Fleisch versenkten, sich bis zu ihren Knochen fraßen. Ihre Lebensenergie nahmen und ihr im Austausch eine Welt des Schmerzes schenkten. Wo vorher Licht gewesen war, herrschte plötzlich Dunkelheit und sie wusste, sie befand sich in der Unterwelt. Womit hatte sie so einen furchtbaren Tod verdient?

Izanagi? Wo war ihr Geliebter? Würde er kommen, um sie zu retten? Sie sehnte sich nach ihm. Gemeinsam hatten sie eine Welt erschaffen. Mit dem heiligen Speer hatten sie aus dem Urchaos Festland geschaffen und begonnen diese neue Welt, ihre Welt, zu bevölkern. Die ersten Geburten waren schön und lieblich gewesen, doch dann hatte sie der Schmerz übermannt. Feuer. Leben spendend und alles verzehrend.

Iazanami dachte an das Urelement Feuer und es erschien. Sie fuhr erschrocken zurück und zitterte am ganzen Leib. Ihr Körper fühlte sich falsch an. Verwirrt starrte Izanami in das Feuer. Es war blau, nährte sich aus nichts und schwebte in der Luft. War das aus ihr geboren worden? Es fühlte sich nicht so an. Langsam streckte sie ihre zitternde Hand nach der Flamme aus. Anstatt heiß, war sie kalt. Izanami kauerte sich zusammen und schaukelte hin und her. Wie lange war sie schon hier? Wie lange musste sie hier bleiben? Eine Sehnsucht erfüllte sie, als das Bild von Izanagi sie wie ein Rachegeist heimsuchte. Sie wollte zu ihm und sich in seiner Umarmung verlieren.

„Izanagi!“, schrie sie verzweifelt. Ihre Stimme klang seltsam. Zu tief. Um sie herum war nur Stille. Alles verschlingende Stille. War sie für immer hier gefangen? Nur, um der Stille zu trotzen, kratzte sie an dem steinigen Boden entlang. Das Geräusch hallte widerlich in ihren Ohren. Sie wollte essen, war aber nicht hungrig. Nicht weit vom Feuer erschien ein Korb mit Früchten. Glänzend und saftig, strahlten sie Izanami an. Riefen nach ihr. Auf allen vieren kroch sie auf den Korb zu, griff nach einem Apfel, biss hinein und schluckte. Es war, als hätte sie Erde gegessen. Angewidert warf sie den Apfel weg und stieß den Korb um. Er verschwand. Sie wollte trinken, um den Geschmack loszuwerden.

Und eine Schale mit Wasser erschien. Dieses Mal näherte sich Izanami vorsichtiger. Besah sich das Wasser. Es war klar und wirkte frisch. Sie kroch näher. Das Feuer spiegelte sich in der Oberfläche. Izanami sammelte das Feuchte in ihren Handflächen und ließ es ihren Rachen herunterfließen. Doch kaum benetzte die Flüssigkeit ihre Zunge, wandte sich ab und würgte. Blut! Sie hatte Blut getrunken. Wütend wollte sie die Schale zerschmettern. Hielt jedoch inne, als sich etwas in der Oberfläche spiegelte. Es war braun und hatte weiße Punkte, die sich bewegten. Sie sah genauer hin. Maden, die sich in verwesendem Fleisch suhlten.

Etwas ekelerregenderes hatte Izanami noch nicht gesehen. Sie bewegte ihren Arm fort von der Widerlichkeit und das verweste Fleisch war nicht mehr auf der Oberfläche zu sehen. Vorsichtig führte sie ihre Hand wieder zum Wasser. Eine innere Unruhe packte sie, warnte sie. Doch Izanami konnte nicht anders. Verwestes Fleisch, halb verbrannt und mit Maden gefüllt. Langsam beugte sie sich über die Schüssel. Augäpfel in der Farbe ihrer Augen, die fast haltlos in bloßgelegten Muskeln und Knochen lagen. Ein Schrei voller Wut und Horror prallte an den Wänden ab, verwandelte sich in ein Heulen und verstummte zu einem leisen Wimmer. Es war ihr Fleisch, ihre Knochen und ihre Augäpfel.

Izanami war schön gewesen und hätte es für immer bleiben sollen.

„Izanami?“, hörte sie die geliebte Stimme rufen. Er war hier, er war gekommen! Angst packte Izanamis Herz. Sie griff nach der Schale und goss sie über das Feuer.

„Izanami?“, hallte Izanagis Stimme und neckte sie spielerisch in seiner hoffnungslosen Grausamkeit. Izanami schwieg, atmete nicht, gab keinen Laut von sich. Er durfte sie nicht finden. Er durfte sie nicht sehen. Nicht wie sie jetzt war. Sie wollte für immer schön bleiben, zumindest in seiner Erinnerung. Er würde sie hier nicht finden. Niemals. Doch seine Stimme prallte von den Wänden, rieb sich verführerisch an ihr Ohr. Er war so schön. Wenn sie doch sein Gesicht noch ein letztes Mal berühren könnte.

„Izanami? Geliebte, wo bist du?“

Ihr Herz zersprang und ihr verwesender Körper antwortete ihm: „Ich bin hier Geliebter!“ Schritte kamen näher und das Licht einer Fackel.

„Bitte lösche das Licht, Geliebter, es tut meinen Augen weh!“ Der Schein erstarb sofort. Izanamis Herz jubelte. Er war in die Unterwelt gekommen, um sie zu finden. Dann waren die Schritte ganz nahe und Izanagi blieb nicht weit von ihr stehen. Sie konnte seine Anwesenheit körperlich spüren, hatte es immer gekonnt.

„Du bist gekommen …“

„Natürlich, mein Herz. Ohne dich, will ich nicht sein. Ich liebe dich. Komm mit mir zurück in die Welt der Lebenden.“

„Izanami ist tot. Meine Hülle ist nicht mehr. Ich habe von der Furcht der Unterwelt gekostet und kann nicht mit dir gehen.“ Izanamis Herz klopfte. Sie wollte bei ihm sein, zu ihm gehen und sich in seine Arme fallen lassen, wie schon so oft zuvor. Sie ging einen Schritt auf ihn zu. Dann stieg der Geruch von Verwesung in ihre Nase und sie hielt inne, erinnerte sie an das Grauen, zu dem sie geworden war. Ein Schluchzen entrang sich ihren verdorrten Lippen.

„Izanami, du klingt so seltsam. Ich will dich sehen!“ Izanami hörte es rascheln und sie schrie verzweifelt auf: „Nein! Geh! Du darfst mich nicht ansehen. Behalte mich in deinem Herzen, so wie ich war. So will ich für immer in dir leben.“

Sie hörte ein Rascheln und Klicken, dann wurde der Raum von Feuer erhellt. Wortlos starrte Izanami ihren Gatten an, der aus seinem Zahn ein Feuer gemacht hatte. Hoffnung stieg in ihr auf. Vielleicht konnte er sie trotz ihres Äußeren so ansehen, wie immer. Voller Liebe und Zärtlichkeit. Ihre Augen trafen sich und alles in Izanami zerbrach. Sie sah sich in seinen Augen und erblickte nur Ekel. Wut und Raserei, geboren aus Angst und Scham, übermannten ihren labilen Geist. Der letzte Funken Verstand verlosch, als Izanagi sich abwandte und rannte. Vor ihrer Hässlichkeit floh. Sie würde nicht in ihm weiterleben, nicht so. Sie musste dieses Bild von ihr in ihm auslöschen und wenn das hieß, dass sie ihn auslöschen musste.

Sie folgte dem Licht durch dunkle Gänge, watete durch übel riechendes Wasser, blieb mit Fleischstücken an Wänden hängen, Maden fielen aus ihren Muskeln und Knochen. Ihre Zähne klapperten aufeinander und sie zwang röchelnd Luft in Lungen, die nicht mehr arbeiteten. Dann sah sie ein Licht, heller als jede Fackel. Doch es verdunkelte sich langsam, als rolle sich ein riesiger Stein vor die Sonne.

Wutentbrannt und dem Wahnsinn anheimgefallen, schrie Izanami aus Leibeskräften ihren Hass hinaus: „Du hast mir die ewige Schönheit genommen. Dafür gebe ich dir ewige Rache. Ich werde jeden Tag tausend Seelen deiner Kinder holen! Bis ihr alle ausgerottet seid.“

„Dann schwöre ich, jeden Tag tausend fünfhundert Geburtshütten zu errichten.“ Izanagis Worte schnitten sich in Izanamis Herz. Sie schrie vor Wut und tobte. Wenn seine Kinder lebten, würde er leben und in ihm das Bildnis ihres verfaulten Selbst. Für immer.

 

„Izanagi eilte zum Fluss, um sich von dem Schmutz und der Unreinheit der Unterwelt abzuwaschen. Gereinigt entstieg er dem fließenden Wasser und trocknete sich ab. Doch jeder Wassertropfen, der von seinem Körper abperlte und auf die Erde fiel, wurde von ihr absorbiert und das Land lud sich auf mit seiner übernatürlichen Energie. Die Erde selbst, die Steine, Bäume, Berge tragen immer noch seine Energie in sich. Konzentriert sich diese stark genug, werden sie geboren, übernatürliche Wesen. Durch Vulkanausbrüche, Erdbeben oder starke menschliche Gefühle, wie Hass oder Angst. Aber auch Liebe, Sehnsucht und dem Wunsch, für immer bei jemandem zu bleiben.“

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