DÄMON DER WOCHE 02

ABURA-AKAGO 油赤子

Auf allen Vieren krabbelt er durch den Schlamm, zieht seichte Spuren hinter sich her. Kleine Handabdrücke bleiben im Matsch zurück, nur um von Knien zerdrückt und zerwühlt zu werden. Seine wulstigen Finger sowie die babyspeckbeladenen Knie und Füße sind dunkelbraun, fast schwarz. Die Erde, aufgeweicht von tagelangem Regen, riecht nach Nässe und Fäule. Und doch kann er den schweren Geruch ausmachen. Dickflüssig, klebrig und penetrant bereitet er den meisten Übelkeit, doch sein Magen knurrt verlangend und die schwarze, raue Zunge juckt gierig nach dem schwarzen Gold.

Wie ein Tier hebt er die Nase in die Luft, fängt den Ölgeruch ein und folgt ihm, wie eine Raubkatze, dem lahmenden Gnu. In einer Grimasse des Horrors verziehen sich die weichen Pausbacken zu einem erwartungsvollen Grinsen. Das menschliche Aussehen hat er bereits in den ersten Jahren verloren, als nicht der Heißhunger nach Milch, sondern nach Öl ihn marterte. Früher war es einfacher gewesen den Hunger zu stillen. Es gab Öl in Hülle und Fülle. In jedem Haus stand es frei zugänglich mal auf einem Tisch, mal auf einer Fensterbank.

Man musste vorsichtig sein, denn sie achteten gut darauf, die Menschen. Aber auch ihre Art musste schlafen und die Nacht war immer schon sein Freund. Vor allem in der Anfangszeit war er gierig gewesen, trank häufig zu viel aus einer Quelle und die Menschen verschlossen ihr wertvolles Öl. Doch auch wenn diese Nahrungsquellen verschwanden, gab es immer andere. Und jetzt? Die Menschen erhellen die Nacht mit ihrem kalten, künstlichen Licht, machen sie greller als den Tag. Elektrizität … er schnaubt bei dem Gedanken und kriecht weiter. Öllampen gibt es schon lange keine mehr, nicht in den Häusern. Vor der Elektrizität war er in den Wald geflohen und hat kurz vor dem Verhungern sein kleines Paradies gefunden.

Dann ist er da. In seinen Augen glüht das Feuer, als seine raue Zunge in die derbe Flüssigkeit eindringt und er von einem wohligen Schauer erfasst wird. Ein zufriedenes Stöhnen entschlüpft seinen schwarzgefärbten, spröden Lippen. Die kleinen, immer noch pummeligen Arme umschließen die Lampe fester. Er muss nicht mehr vorsichtig sein, kann sich dem Moment und der Gier völlig hingeben. Wenn er auf eine Quelle stößt, dann festet er bis auf den letzten Tropfen, alles leer. Es ist nie viel und am nächsten Tag ist die Quelle sowieso verschwunden. Die Menschen kommen in viereckigen Kästen auf Rädern, manche größer, manche kleiner. Meist parken sie im Sommer am See, bleiben ein paar Tage und fahren mit ihren „Autos“ und „Wohnmobilen“ wieder weg.

Der Winter ist eine harte Zeit. Es kommt keiner zum See und in den Häusern brennt ölloses Licht. Einmal hatte er an einem davon geleckt. Geruchlos, ist es aus Glas und brennt Lichterloh ohne Öl. Beständig, ohne das lebendige Flackern einer Feuers und doch heiß. „Elektrizität“ nennen es die Menschen. Seine Haare richten sich bei dem Wort auf. Elektrizität ist schuld an Monaten voller Hunger. Wegen ihr brauchen die Menschen keine Öllampen mehr.

Gierig leckt er mit der rauen Zunge über den nun leeren Boden. Nur nichts verschwenden. Nicht den kleinsten Tropfen. Ein leises, heiseres Lachen entschlüpft den nun öligen, schwarzen Lippen. Die meisten seiner Art sind zu solchen Wesen, wie er es ist, wegen Verschwendungssucht und Diebstahl geworden. Jetzt müssen sie darauf achten nichts zu verschwenden, um nicht zu verhungern. Doch Diebe sind sie immer noch. Sie alle. Aber er ist anders und darum auch noch am Leben.

Langsam kriecht er immer noch auf allen Vieren zurück ins Gebüsch, dann tiefer in den Wald. Dort wagt er es sich aufzurichten. Seine nackten Füße berühren den Boden. Seine Kleidung ist zerrissen und schmutzig, seit Jahrhunderten nicht gewaschen, hängt ihm in Fetzen vom Leib. Das zerzauste Haar steht, noch nie gekämmt, in alle Richtungen ab. Nach ein paar unsicheren Schritten findet er die Balance und läuft zielsicher zu einer natürlichen Aushöhlung. Die Wurzeln eines uralten Baumes ragen durch die Decke seines erdigen Zuhauses.

Die Wildheit seiner Augen glättet sich, als er sie sieht. Ihr Feuer leuchtet stark, weil er sich endlich wieder sattgegessen hat. Ein Tier im Geiste und Körper, ohne einen Funken Menschlichkeit in sich, richten sich all seine Taten doch nur auf ihr Wohlbefinden, ihre Existenz. Er ist anders als die anderen nach Öl geiferten Wesen, weil er nicht für sich stiehlt, sondern für sie. Damit sie bei ihm bleibt und sie für immer zusammen sein können.

Seine schwarzen Lippen verziehen sich zu einem Bogen, als sie sanft pulsiert und ihn willkommen heißt. Zähne, schwarz wie die Nacht, glänzen vom Öl. Sie ist stolz auf ihn sein, auf ihren Jungen. Seine Augen fressen sich in das Blau der Flamme, die in der Luft hängt und stetig pulsiert, wie das regelmäßige Klopfen eines Herzens. Immer weiterbrennt. Die Angst vor ihrem Verlöschen treibt ihn seit Jahrhunderten Öl zu finden und so viel wie möglich in sich hineinzuschlingen. Nichts kann sie trennen, auch der Tod nicht … wenn er nur genug Öl findet.

Mit seinen pummeligen Armen, rundlich vom Babyspeck, umfängt er das blaue Feuer. Angenehm wärmte die Flamme seine Haut, ohne sie zu verbannen. Glückselig entringt er sich das einzige Wort, das er kennt: „Mama!“

Der Schein des Feuers legt sich um ihn, liebkost den kleinen Jungen, kaum größer als ein Baby, mit seinem Schein, pulsiert leise und lullte ihn in den Schlaf. Ihr Junge, ihr Sohn. Früher hatte er sie mitgenommen auf die Jagd nach Öl, jetzt ist die Dunkelheit ihr einziger Freund inmitten der nächtlichen Lichter und sie muss ihn alleine suchen lassen. Die Menschen heute sind anders als damals. Gefährlicher. Sie glauben nicht und fürchten nicht. Weder ihn noch seine Mutter. Die Existenz von hitodama, Seelen von Verstorbenen, kennen die meisten nur aus Gruselgeschichten, Fabeln oder Märchen. Und doch sind sie überall, nur von einer Handvoll Menschen gesehen und von noch weniger als das erkannt, was sie sind: Unglückliche, unruhige Seelen, die sich auch nach ihrem Tod, nicht von dieser Welt trennen können.

Sie hatte damals nicht gehen können und kann es immer noch nicht, kann ihren einzigen Sohn und Geliebten nicht allein lassen. Er hat nur sie und sie will für immer mit ihm zusammen bleiben. Seinen Vater hatte sie mehr geliebt als ihr Leben. Der Schmerz, als er in einen Krieg ziehen musste, den weder sie noch er verstanden, war groß. Nur ein gemeinsames Jahr in Glück war ihnen verwehrt. Als die Nachricht von seinem Tod sie erreichte, war ihr Sohn bereits in ihr herangewachsen, kurz davor die Welt zu erblicken.

Die Liebe ihres Lebens war nicht mehr, war von einen Tag auf den anderen einfach verloschen und hatte sie in dieser kalten, grausamen Welt alleine gelassen. Schmerz durchzuckte ihren Leib und sie schrie ihn heraus, als Wasser ihr die Beine hinunterlief. Unter Tränen, Schreien und Blut gebar sie ihn, ihren Sohn. Und als er sie mit seinen dunklen Augen das erste Mal ansah, wusste sie es. Ihr Geliebter war zu ihr zurückgekehrt. In ihrem Blut und Fruchtwasser liegend, war sie glücklich. Er war zu ihr zurückgekehrt und sie würde ihn nie verlassen. Sie presste ihn an ihre Brust und nannte ihn, wie sie ihn immer genannt hatte: Takeru.

Doch wie auch zuvor vergönnten die eifersüchtigen Götter ihnen nur ein gemeinsames Jahr. Er weinte, schrie und lachte. Sie freute sich. Die harte Arbeit auf dem Feld ging mit ihm auf dem Rücken so viel leichter von der Hand. Sie war glücklich, auch wenn das Leben nicht einfach war. Vor der Sonne aufstehen, ein karges Frühstück, den ganzen Tag auf dem Feld. Anpflanzen, bewässern, graben, ernten, Holz suchen, Tiere füttern.

Da keiner von ihren Verwandten mehr auf Erden weilte, blieb sie bei der Familie ihres verstorbenen Mannes. Wenn seine Brüder aus dem Krieg kämen, würde einer von ihnen sie sicher zur Frau nehmen, sagte ihre Schwiegermutter immer. Sie sei schließlich noch jung und hübsch. Insgeheim jedoch wünschte sie sich, dass keiner von ihnen zurückkäme, denn sie wollte und brauchte keinen Mann. Ihr Mann war schließlich zu ihr zurückgekommen. Nur ein paar Jahre, dann wäre er herangewachsen und sie könnten wieder als Mann und Frau vereint sein.

Doch kaum ein halbes Jahr verging, da kehrten drei von fünf Brüdern zurück und jeder bezeugte sein Interesse, sie zu seiner Frau zu nehmen. Auch andere Männer im Dorf hatten ihr Avancen gemacht, kaum, dass sie die Nachricht von dem Tod ihres Geliebten erhalten hatte. In ihrem Herzen war jedoch nur Platz für ihren Sohn, sie brauchte niemand anderes. Er war perfekt und nur für sie zur Welt gekommen. Aber Tsuyoshi, der Älteste der einst sechs Brüder, ließ nicht von ihr ab. Noch bevor sein jüngerer Bruder Takeru sie zu seiner Frau nahm, hatte er um sie geworben. Eine andere Frau als, Hanayuki hatte es nie für Tsuyoshi gegeben, auch nicht nach der Vermählung mit seinem eigen Fleisch und Blut.

Als Hanayuki seinem Werben nach Monaten nicht nachgab, wollte Tsuyoshi ein letztes Mal unter vier Augen mit ihr sprechen, um ihr seine unendliche Liebe begreiflich zu machen. Und so schickte er sie alleine in den Wald, um Feuerholz zu sammeln. Befahl ihr, ohne das Balg zu gehen. Doch Hanayuki hörte nicht auf ihn und nahm den Schreihals, auf dem Rücken gebunden, mit sich. Immer wenn Tsuyoshi ihr nahe kam, schrie das Gör sich die Seele aus dem Leib und er konnte keine zwei Worte in Ruhe mit ihr wechseln, ihr nicht erklären, dass er sie aus Liebe und nichts aus Pflichtgefühl wollte. Als würde sein verdammter Bruder nach dem Tod noch eifersüchtig über seine Frau wachen. Hatte sie dem Balg den Namen ihres verstorben Gatten geben müssen? Doch dieses Mal würde nichts zwischen sie kommen.

Tsuyoshi beobachtete, wie Hanayuki das Kind auf den Rücken schnürte und in den Wald ging. Lautlos folgte er ihr. Dachte an all die Zeit im Krieg, die er nur mit dem Gedanken an sie überlebt hatte. All die Nächte, wie er sich vorgestellt hatte, dass es seine Hände waren, die sie liebkosten, nicht Takerus. Sie hatte ihn am Leben gehalten und er würde ihr zeigen, wie sehr er sie liebte.

Leise summte sie vor sich hin, schaukelte ihren Sohn und sammelte Äste und Zweige auf. Der Kleine schlief ruhig und fest. Um ihn beim Binden der Bündel nicht aufzuwecken, nahm sie ihn ab und legte ihn ins weiche Grass. Dann entfernte Hanayuki sich etwas und bündelte das trockene Holz. Mit einem Lächeln auf den Lippen summte sie weiter vor sich hin. Noch nie war sie in Tsuyoshis Augen schöner gewesen. Dann hörte sie das Rascheln von abgestorbenem Laub und drehte sich zu ihm um. Ihr Lächeln erstarb und Angst trat in ihre Augen.

Sie hatte Angst vor ihm. Wieso? Er wollte ihr doch nur zeigen, wie sehr er sie liebte! Wut stieg in Tsuyoshi auf, als ihre Augen größer wurden und sie zu ihrem schlafenden Kind blickte. Wie er dieses Balg haste. Um das Gör nicht zu wecken, musste er sie fortführen. Er würde sich diesen Moment nicht von Kindergeschrei zerstören lassen! Als Hanayuki zu dem Kind rennen wollte, packte er sie am Arm und zog sie weg. Als ihr süßer Mund sich zu einen Protestschrei formte, erstickte er jeden Laut mit seiner großen, groben Hand. Tsuyoshi drückte sie gegen einen Baum, wollte, dass sie ihn anhörte. Sich wie ein Aal unter seinen Armen windend, sträubte sie sich mit aller Kraft, die ihr schmächtiger Körper hergab. Um sie ruhig zu bekommen, drückte er sie mit seinem ganzen Körper gegen die harte Rinde. Ihre widerstrebenden Arme hielt er mit einer Hand über ihrem Kopf fest.

Ihr Haar hatte sich gelöst und hing seidig über den Schultern. Nur einmal wollte er es kurz berühren. Hanayuki wehzutun, würde ihm nie in den Sinn kommen. Doch wenn er sie losließ, würde sie schreien. Im Wald waren sicher noch mehr Dorfbewohner zum Holzsammeln. Und anstelle mit seiner Hand, bedeckte er in Panik ihren Mund mit seinem und erstickte jeden Protestlaut, während seine Fingern sich in ihrem Haar vergruben. So mussten sich die unerreichbaren Wolken anfühlen. Ob der Rest von ihr auch so weich war? Seine Hand fuhr zu ihrem Hals und strich über die zarte Haut. Dann biss sie ihn und Tsuyoshi fuhr erschrocken zurück.

Hanayuki schrie ihn an, nannte ihn einen Feigling, Versager. Kreischte, sie würde nie seine Frau werden. Tränen traten ihm in die Augen. Der Schmerz seiner Seele, ausgelöst durch ihre Worte, brachte ihn um den Verstand. Er wollte ihr wehtun, wie sie ihm wehgetan hatte und seine Hände drückten zu. Ihr leises, ersticktes Röcheln erfüllte den Wald. Selbst dieser Laut war unerträglich für ihn und sein Griff wurde härter. Ein heftiges, unkontrolliertes Schütteln ergriff ihren Körper. Mit fasziniertem Horror sah er zu, wie ihr Gesicht die Farbe wechselte. Weiß, Rot, Lila, Blau.

Dann wurde das Zucken ihres Körpers schwächer, und jede Bewegung erstarb. Ihre Lippen bewegten sich nicht mehr, ihre Augen waren weit aufgerissen und leer. Panik stieg in ihm hoch. Als seine Hände von ihrem Hals abließen, sackte ihr schöner Körper leblos zu Boden. Entsetzt starrte er in die anklagenden Augen. Angst mehr vor ihr, als vor seiner Tat, ergriff seine Brust, raubte ihm den Atem, wie er es vor wenigen Sekunden bei ihr getan hatte. Mit dem Instinkt eines Tieres, drehte er sich um. Floh vor dem Leichnam der Frau, die er liebte, vor der Leere in ihren einst leuchtenden Augen. Schneller als sie es je auf dem Schlachtfeld gekonnt hätten, trugen seine Beine ihn weg von dem Ort des Grauens.

Angstschweiß stand ihm ins Gesicht, währen seine Blase sich in seine Hose entleerte. Horror brannte in seinen Augen und sein Geist schrie: „Es war ihre Schuld! Sie hat mich dazu getrieben!“, als er vor Leiche der Frau, die er so sehr liebte, davonrannte.

In dem Augenblick des Todes schrie Hanayukis Seele auf, trennte sich von dem leblosen Körper. Doch nicht Wut auf ihren Mörder trieb sie an, sondern Sorge um Takeru, ihren Sohn und ihren Geliebten. Eine Welt, in der ihre zweite Hälfte in irgendeiner Form verweilte, konnte sie nicht verlassen. Sie musste zu ihm! Wie im Leben, so auch im Tod, ignorierte sie Tsuyoshi, der sie über alles geliebt hatte und doch zu ihrem Mörder geworden war. Sie flog zu ihrem Kind, umhüllte es mit dem Feuer ihrer liebenden Seele und trug es tiefer in den Wald, weg von dem Mann, der ihr das Leben genommen hatte.

Bald fand sie eine Höhle und legte Takeru auf den harten Boden nieder. Ein Tag und eine Nacht vergingen. Doch das Kleinkind schrie nicht, starrte die leuchtende, fliegende Kugel, zu der Hanayuki geworden war, nur an. Doch bald schon spürte sie, dass sie schwächer wurde und die Gewissheit, dass sie bald verlöschen würde, wenn sie nichts fand, um ihr Feuer zu nähren, erfüllte ihr Sein. Sie suchte panisch, flog durch den Wald, versuchte sich an trockenen Zweigen zu nähren. Doch sie konnte sich nicht an dem Holz festhalten, glitt einfach ab.

Ein Drängen erfüllte sie, erinnerte sie daran, wie es war durstig zu sein. Ein Flüssigkeit, die brannte! Das Öl in Lampen hielt immer lange. Aufgeregt schwirrte sie hin und her. Sie musste ins Dorf, aber sie konnte Takeru nicht alleine zurücklassen. Hier gab es wilde Tiere. So wartete sie, bis es dunkel wurde, und flog langsam, während ihr Sohn ihr hinterherkrabbelte, Richtung Dorf, steuerte ihr Haus an. Denn dort wusste sie, wo sich die Lampen befanden. Ohne es beabsichtigt zu haben, fand sie sich in dem Zimmer des ältesten Bruders wieder. Ihr Mörder schmiss sich im Schlaf unruhig hin und her, die Lampe brannte nicht.

Hanayuki setzte sich auf das Öl in der Hoffnung sich nähren zu können. Doch es passierte nichts, das Schwächegefühl verschwand nicht, wurde stärker. Frustriert flog sie in die Luft und blickte sich panisch um. Irgendetwas musste sie doch tun können! Sie konnte ihren Sohn, ihren Geliebten nicht alleine lassen. Takeru hatte einen Weg gefunden über den Tod hinaus bei ihr zu sein. So einfach durfte sie nicht aufgeben! Dann schlich sich ein leises Geräusch in ihre Welt der Verzweiflung. Ein leises Plitsch platsch, als würde die Zunge einer Katze Milch aus einer Schüssel lecken. Kraft und neue Energie erfüllte sie.

In ihrer Euphorie blickte Hanayuki hinunter und sah ihren Sohn über dem Öl gebeugt. Takeru leckte und schlürfte die dicke Flüssigkeit. Zu ihr hochblickend, lächelte er sie mit schwarzen Lippen und Zähnen an. Wieder hatte er einen Weg gefunden, wie sie zusammen bleiben konnten. Für immer. Wie sehr sie ihn doch liebte. Freudig stürmte sie auf ihn zu, warf die Lampe um und das übriggebliebene Öl verteilte sich auf den Strohmatten. Kurz sah sie zu dem unruhigen Gesicht ihres Mörders, der selbst im Schlaf keine Ruhe zu finden schien, und Hass wallte in ihr auf. Doch sie ließ die negativen Gefühle zurück, kehrte ihnen den Rücken. Ihr Schatz war alles was sie brauchte und sie würde ihm all ihre Gedanken schenken und sich nur auf ihn konzentrieren. Gemeinsam verließen sie das Haus in Frieden.

Doch ein kleiner, blauer Funke des Hasses blieb zurück. Nur ein kleines, einsames Flämmchen, ein Sandkorn verglichen mit einem kilometerlangen Sandstrand. Voller Rachsucht hüpfte es auf die besudelten Strohmatten, wälzte sich in dem vergossenen Öl. Zuerst labte es sich an dem schwarzen Gold, griff dann über auf die trockenen Strohmatten, fraß sich in einer geraden Linie vor zum unruhig schlafenden Mann, öffnete sein Maul, verschlang ihn mit Haut und Haaren. Übrig blieb nicht einmal Asche und der Mörder konnte sich nicht einmal mit einem Schmerzensschrei von der Welt verabschieden. Mit ihm verschwand auch der Funken des Hasses, ließ nur eine dünne rußbedeckte Spur von der umgekippten Lampe zur Schlafstätte des Mannes, der eine Frau mehr geliebt zu haben glaubte als sein Leben.

Nichts von dem Tod ihres Peinigers ahnend, zog die Seele von Hanayuki als hitodama mit Takeru, dem Öl-leckende-Kind, abura-akago, nachts von Haus zu Haus und stahlen sich hier und da etwas Öl, um auf ewig vereint bleiben zu können. Die Jahre vergingen und selbst als die westlichen Techniken auch in den ländlichen Gebieten Einzug fanden und Öllampen aus der Mode kamen, lebten sie in glücklichem Einklang miteinander und tuen es auch heute noch, immer auf der Suche nach der nächsten Ölquelle.

Abura-Akago

ABURA-AKAGO 油赤子 – ÖL-LECKENDES-KIND

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